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Kolumne: Gute Zeitarbeit vs. schlechte Zeitarbeit

by: David Haussmann

04 / 08 / 2020

In unserer Kolumnen-Sektion äußern sich unsere Experten kritisch zu aktuellen Themen. Wir laden Dich ein, sachlich mitzudiskutieren und Deine Gedanken zu teilen.

David Hausmmann über das schlechte Image der Zeitarbeit, und warum Zeitarbeit nicht gleich Zeitarbeit ist.

Der schlechte Ruf der Zeitarbeit

Die Zeitarbeit ist in Deutschland seit Langem eine mit vielen negativen Emotionen belegte Branche. Ausbeutung, Sklaverei und Unmenschlichkeit sind Begriffe, welche regelmäßig im Zusammenhang genannt werden. Ist dies wirklich der Fall? Gibt es Unterschiede zwischen den Branchen?

Zeitarbeit gibt es seit 1922 in Deutschland, sie war dazu gedacht kurzfristige Personalausfälle und Engpässe durch externe Mitarbeiter zu kompensieren. Im Wandel der Zeit und Wirtschaft änderte sich diese Stellung und Mitarbeiter wurden über die Zeitarbeit eingestellt, um den Kündigungsschutz der Angestellten zu umsegeln. Unter Gerhard Schröder wurden die maximalen Fristen für die Anstellungen solcher Arbeiter stets verlängert und 2004 dann ganz aufgehoben. Somit konnten Arbeitnehmer zeitlich unbefristet überlassen werden. Equal-Pay war lange kein Thema. Zeitarbeiter wurden in Betriebe entsandt, um dort für niedrigere Löhne als die Festangestellten die gleiche Arbeit zu verrichten; mit Kündigungsfristen von bis zu einem Tag. Gesetzlich versuchte man mit halber Kraft in den folgenden Jahren diese Konditionen zu verbessern. Zahlreiche rechtliche Schlupflöcher lassen diesen kläglichen Versuchen jedoch als das stehen was sie sind: eben nur Versuche.

Die größte Sorgenkinder der heutigen Zeitarbeitsbranche sind die Produktions- und Erntebetriebe im Niedriglohn-Sektor, vor allem die Lebensmittelproduktion, in der mit Vorliebe ungeschulte Arbeitende aus den neuen EU-Ländern rekrutiert werden. Arbeitsvermittler aus Rumänien vermitteln über Vermittlungsfirmen in Deutschland Anwärter an deutsche Zeitarbeitsfirmen, welche dann die Arbeiter an Produktionsfirmen verleihen. Dabei sind Stundenlöhne von 4 Euro keine Seltenheit.

Die Unterbringung erfolgt in angemieteten Wohneinheiten unter katastrophalen Bedingungen und die kosten werden mit den Einkünften der Arbeiter verrechnet. Im übertragenen Sinn ist der Term „Sklaverei“ hier gerechtfertigt. Durch Mangel an Alternativen für Menschen in strukturschwächeren EU-Ländern gibt es jedoch für diese Jobs einen fast unerschöpflichen Pool von Anwärtern.

Ein Tag-Nacht Unterschied

Schaut man sich im Vergleich die Bereiche geschulten Personals an, zum Beispiel die der Krankenpflege, zeichnet sich ein anderes Bild ab und wir nähern uns wieder dem Grundgedanken der Zeitarbeit.

Es entstehen stets mehr Arbeitnehmerüberlassungsbetriebe in diesen Bereichen. Pflegende sind angestellt bei Personaldienstleistern, welche diese an Einrichtungen mit Personalmangel verleihen. Die Mitarbeiter müssen teilweise kurzfristige Aufträge und längere Arbeitswege akzeptieren. Von Mitarbeitern in der Zeitarbeit wird erwartet, dass sie flexibel und kompetent arbeiten und die Einarbeitung muss aufgrund des Personalmangels schnell gehen. Im Gegenzug erfolgt eine Bezahlung, welche über dem Niveau eines Festangestellten der Krankenhäuser und Kliniken liegt.

Das Schlüsselwort ist Personalmangel. In der Krankenpflege und der spezialisierten Pflege in Operationssälen und auf Intensivstationen herrscht aufgrund der steigenden Nachfrage Personalmangel. Das wiederum stärkt die Position der Arbeitnehmer. Leider entwickelt sich das Umdenken vom „Nightingale Komplex“ und der Herrschaft der „Götter in Weiß“ zum wirtschaftlich denkenden Betrieb nur langsam und schwerlich sodass diese Position zu wenig genutzt wird.

Auch die Zeitarbeit in den umliegenden europäischen Ländern arbeitet nach diesem Prinzip. Wenn die eventuellen sprachlichen Hürden überwunden sind, ist es für Personal in der Pflege und spezialisierten Pflege ohne weiteres Möglich kurz oder langfristig in der Arbeitnehmerüberlassung im Ausland, wie zum Beispiel der Schweiz oder den Niederlanden eingesetzt zu werden.

Ein guter Deal der vor allem jungem Personal zusagt. Ein weiterer Vorteil für die Arbeitnehmer ist, dass sich durch die Arbeit in verschiedenen Häusern; oder sogar Ländern mit verschiedenen Arbeitsweisen und Logistik; die Kompetenz und Erfahrung der Fachkräfte verbessert.

Zeitarbeit vs. Zeitarbeit

Im Rückblick stellt sich nun eine enorme Kluft zwischen den Vorausetzungen den verschiedenen Branchen der Zeitarbeit dar. Da der Arbeitsmarkt der Produktion durch den Zustrom ausländischer Mitarbeiter noch lange mit keinem Personalmangel zu kämpfen hat, werden sich wohl in naher Zukunft die Missstände hier nicht selbst regulieren.

Hier ist die Politik gefragt. Allerdings hätte eine Verbesserung der Arbeitsverhältnisse und eine bessere Bezahlung unweigerlich einen Preisanstieg von Produkten und Lebensmitteln zur Folge. Meiner Meinung nach einer Konsequenz, die man aus moralischem Gesichtspunkt in Kauf nehmen sollte.

Im Gesundheitswesen jedoch liegt die Machtposition dank Fachkräftemangel auf Seite der Arbeitnehmer. Zustände wie in der Produktion sind hier nicht vorstellbar, weil nicht konkurrenzfähig. Im Gegenteil bietet die Zeitarbeit im Gesundheitswesen den Fachkräften viele Vorteile, und Arbeitgebern die Flexibilität kurzfristige Engpässe zu füllen, also genau das, wofür Zeitarbeit eigentlich gedacht ist.

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